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Erfahrungen: U - Punkt                                                                                                                            



Wie alles begann

Trotz gründlicher Überlegungen und viel Zeit des Nachdenkens (besonders während meiner Therapie) kann ich nicht den genauen Zeitpunkt benennen, wann und wieso ich alkoholabhängig wurde. Selbst viele Experten sind sich darüber nicht im klaren und allgemein wird angenommen, dass der Übergang vom Missbrauch zur Abhängigkeit gleitend ist. Insofern habe ich für mich selbst schon vor langer Zeit aufgehört, diesen Zeitpunkt genauer bestimmen zu wollen.

Aber es gab natürlich bestimmte Anzeichen dafür, dass gerade ich besonders dafür sozusagen "empfänglich" war.

So war meine Kinder- und Jugendzeit durchaus förderlich für mein gestörtes Verhältnis zum Alkohol. Geboren in Eisenberg, aufgewachsen in Gera mit meinen Eltern und zwei Brüdern, gehörte in mein Elternhaus der Alkohol genauso wie andere Lebensmittel des täglichen Bedarfs. Nicht, dass er übermäßig konsumiert wurde, aber er war ständig präsent und zu bestimmten Anlässen wurde auch entsprechend reichlich getrunken. Besonders mein Vater überschritt diesbezüglich oft die Grenzen (besonders seine eigenen). Somit hatte er auch durchaus kein normales Verhältnis zum Alkohol.

Und einen bestimmten Teil davon habe ich wohl für mich abgeschaut. Angemerkt sei hier, dass mein Vater auch nach sehr langer Zeit für sich Konsequenzen gezogen hat und heute auch nicht mehr trinkt. Meinen ersten Kontrollverlust hatte ich, wie viele andere im "Osten", zur Jugendweihe, jenem i. d. R. ersten "kollektiven Besäufnis". Ich maß dem aber keine große Bedeutung bei, schließlich war das nur einmal, weitere größere Probleme gab es nicht und schließlich hatte ich ja auch Zieleim Leben (Abitur, Studium, Familie usw.).

Tja - dann kam die Wende, das Abitur hatte ich zwar (zum Glück), aber aus dem Studium wurde nichts. Und so war ich erst einmal "nur" Sozialhilfeempfänger oder ich jobbte bei "Quelle". Ich wohnte noch bei meinen Eltern zu Hause. Doch sie ließen sich bald scheiden, und ich bekam meinen ersten psychischen Knacks. Die Familie (ganz besonders unsere) bedeutete mir schon immer sehr viel, und diese war nun nicht mehr. Da war ich wirklich ganz schön fertig.

Trotzdem trank ich nicht viel mehr als andere - Partys und Spaß waren im Jugendalter normal und ich fand meinen Weg nach Hause immer allein und ohne Probleme. Aber das Trinken war irgendwie schon ein wenig anders geworden.


Nach Arbeitslosigkeit, kurzer einjähriger Ausbildung und wieder kurzerArbeitslosigkeit erhielt ich einen Ausbildungsvertrag im Einzelhandel. Ich war gut, die Prüfungen schloss ich mit den bestmöglichen Ergebnissen ab und wurde von meinem damaligen Vorgesetzten als "Förderungsfähig" eingestuft.

Es war 1992, und in den neuen Bundesländern schossen dieEinzelhandelsmärkte wie Pilze aus dem Boden, also meine Chance. Natürlich kam - wie sollte es anders sein - erst das Fordern und vom Fördern war recht wenig zu sehen. Aber der Fleiß kam schon immer erst vor dem Preis, und so hing ich mich voll rein.

Ich bekam einen zinslosen Kredit von meinem Arbeitgeber, kaufte ein PKW und ging auf Reisen um neue Märkte aufzubauen und einzurichten. Doch von dem Stress, der dort auf mich wartete, und der Kraft, die ich dann dort ließ, hatte ich natürlich vorher keine Ahnung.

Nur die Wirkung zählt

Der Stress war immens - von ca. 6 Uhr früh bis abends 23 Uhr. Und das für meist 6 bis 8 Wochen durchweg. Nur sonntags gab es frei. Kein Wunder also, dass ich jede Möglichkeit der Entspannung suchte. Aber da wir in der Woche ausschließlich in Hotels untergebracht waren, war das natürlich nicht gerade einfach. Also gab es abends meist noch ein Essen, ein bis zwei Bier und das war es auch schon. Zur Entspannungalso keine Zeit.

Dies war der Zeitpunkt, wo ich wohl den Alkohol bei mir erstmals als Mittel zum Zweck einsetzte, und er tat die Wirkung die ich wollte und brauchte. Mein Pech nur, dass einer meiner ständigen Begleiter auch eine Menge vertrug und im Kollegenkreis (außer mir) bereits als Alkoholiker bekannt war. Wir taten uns sehr schnell zusammen, und bald konnte ich mit seiner Trinkmenge mithalten.

Diese steigerte sich natürlich, unbewusst aber doch merklich. Und dennoch sah ich keinen Grund, etwas daran zu ändern.

Irgendwann war dann die Zeit des Reisens vorbei. Und als das Unternehmen, für das ich tätig war, aufgekauft wurde, verschwanden auch plötzlich die "Gönner", was mir nun schon zu wiederholten Male die Ziele vergällte, die ich hatte und für die ich hart gearbeitet hatte.

Was blieb, war der Alkohol und der Konsum in der nunmehr gewohnten Menge. Obwohl ich zwischendurch mal wieder etwas weniger trank, hatte ich doch an der Entspannungswirkung bereits viel zu viel Gefallen gefunden und war damit gleichzeitig dem Alkohol bereits verfallen. Immer öfter trank ich nun fast schon täglich bis zum Kontrollverlust und fiel abends völlig betrunken ins Bett.

Neue Vorgesetzte kamen und gingen auch wieder (wir hatten einen unheimlichen Verschleiß), und denen blieb sowohl die Fahne als auch mein manchmal abnormales Verhalten (Entzug) nicht verborgen. Es wurde viel mit mir geredet, erst mit Engelszungen, dann mit Drohungen, aber da ich nicht wirklich Konsequenzen zu befürchten hatte, sah ich mich auch nicht gerade genötigt, etwas dagegen zu unternehmen.

Aber wie das meist so ist, lange geht so etwas eh nicht gut....

Das Ende naht - zum Glück!

Dann kam wieder ein neuer Chef. Doch der war anders, das merkte ich schon bei der Zusammenarbeit. Doch auch er versuchte erst, mir nur gut zu zureden.

Zwischendurch mein absoluter Tiefpunkt im privaten Umfeld: Mit einer wahnsinnigen Dummheit im trunkenen Zustand (Einzelheiten seien hier besser nicht erwähnt) schockte ich meine Familie derart, dass diese mich umgehend zu Suchtberatung schleifte. Ohne Erfolg - ich war einmal dort und schaffte es ohne Probleme, alle weiteren Termine abzusagen.

Dafür trank ich weiter, nun schon täglich bis zum Umfallen und besonders die Entzugserscheinungen (Zittern, Schwitzen und weitere körperliche Beschwerden) waren immer mehr erkennbar. Zumindest für andere, ich selbst dachte, dass dies schon keiner mitbekommen würde. Ein großerTrugschluss.


Doch dann eines Tages bat mich mein oben erwähnter neuer Chef ins Büro. Und obwohl er ein gewisses Verständnis aufbrachte (aus bereits vorhandenerErfahrung mit einem früheren Mitarbeiter), waren dies für mich die bis dahin schlimmsten 10 Minuten meines Lebens. Mein Job stand auf dem Spiel und, wie ich erst viel später erkannte, mein ganzes weiteres Leben.


Ich wurde zur Entgiftung mehr oder weniger "genötigt", entschied mich dort bereits Dank der Unterstützung durch meinen Arbeitgeber für eine Langzeittherapie. Doch die Zeit bis dahin war noch sehr lang (fast fünf Monate) und so war ich trotz Entgiftung und wider besseren Wissens rechtbald wieder bei meinem alten Trinkverhalten angelangt - und es war schlimmer denn je. Vor allem der körperliche Zusammenbruch kam schnell und unerbittlich. Doch irgendwie verging die Zeit und ich weiß selbst davon nur noch sehr wenig.

Es war Oktober 1998, und zur Therapie ging es natürlich und auch leider nicht ohne Entgiftung.....

Der lange, schmerzliche Ausweg

Hoffnungslos und dennoch hoffnungsvoll trat ich am 22. Oktober 1998 die Langzeittherapie im thüringischen Bad Blankenburgan. 16 Wochen und das Ziel vor Augen, irgendwie weiterleben zu wollen - nur nicht mehr so wie die vergangenen drei Jahre.

Was kam, war eine schmerzliche und zugleich schöne, langweilige aber gleichzeitig aufregende Zeit in meinem noch jungen Leben. Was ich dort alles erlebte, lässt sich wirklich nur schwer in Worte fassen (diejenigen, die es selbst erlebt haben wissen, wovon ich spreche).

Aber soviel kann ich sagen: Ich habe dort meine Vergangenheit aufgearbeitet, vor meiner Sucht kapituliert, mein Leben sortiert und auch sehr schmerzhafte Entscheidungen für mich und mein zukünftiges Leben getroffen. Es war so, als würde ich alles neu erlernen: Mein Denken, meine Emotionen, meinen Umgang mit mir und auch mit meinen Mitmenschen.

Ich wurde nebenbei auch endlich erwachsen und lernte für mich und mein Leben Verantwortung zu übernehmen. Ich schmiedete sehr mutige Zukunftspläne, lernte auf eigenen Beinen zu stehen und begriff, dass mein Leben nur noch ein Leben ohne Alkohol sein kann.


Als ich wieder nach Hause kam, war ich trocken, voller Hoffnung und Tatendrang und - was mich am meisten schmerzte - leider auch ohne Freunde. Denn wo sie waren, war auch der Alkohol, und das wollte und konnte ich nicht mehr aushalten.


Ich fing an, meine Pläne Schritt für Schritt, ohne mich selbst unter Druck zu setzen, in die Tat umzusetzen. Ich zog zu Hause aus, hatte eine wundervolle Beziehung und ging wieder arbeiten. Und ich fand auch wieder Freunde, die mich so akzeptierten, wie ich war und die mir bis heute geblieben sind.

Ich begann also, mir mein neues Leben aufzubauen. Viele Menschen halfen mir dabei und ich weiß, allein durch meine Trockenheit war dies alles überhaupt erst möglich.

Glück und Zukunft

Ohne Rückfall habe ich es bis heute geschafft, abstinent zu leben. Die Kraft hierfür nehme ich aus Erlebten, Erreichten und meinem Blick in die Zukunft. Und auch wenn es sicher Tage gibt, an denen es nicht so einfach ist, mich der Suchtdruck im Griff zu haben scheint und ich vom Griff der Flasche nicht allzu weit entfernt bin, so habe ich es immer geschafft, der Sucht zu trotzen.

Denn ich weiß ganz genau: Habe ich erst einmal wieder zugegriffen, ist es bereits wieder zu spät und der ganze Teufelskreislauf, aus dem ich es schon einmal geschafft habe auszubrechen, beginnt wieder von vorn.

Ein bestimmtes Ego ist natürlich auch geblieben, als Selbstschutz sozusagen. Ich gehe regelmäßig in eine Selbsthilfegruppe und versuche auch dort die nötige Kraft zu schöpfen, weiterhin trocken zu bleiben und kann so vielleicht auch dem einen oder anderen helfen, seinen Weg aus der Sucht zu finden.

Ich bin glücklich, sicher nicht immer, aber doch den größten Teil meines Lebens: Ich habe eine wundervolle Frau, eine süße Tochter, eine gute Arbeit und tolle Freunde. In meinem Leben ist es richtig gut vorangegangen und darauf bin ich stolz - denn das habe ICH geschafft. Und es war ganz bestimmt nie leicht.

Für meine Zukunft und die meiner Familie kann ich mir Vieles vorstellen, wünsche mir aber vor allem eines: trocken zu bleiben. Denn nur so kann ich mir mich noch vorstellen......

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