Ich heiße Ilona, bin 42 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und habe sehr große Angst davor, dass eines meiner Kinder einmal mit dem gleichen Problem zu kämpfen hat wie ich: Dem Alkohol!
Ich war zehn Jahre alt, als ich von meiner Mutti Alkohol bekam. Sei es als Belohnung, aus Einsamkeit - oder einfach nur, weil es Wochenende war. Ich durfte oft mit meiner Mutti trinken, was mir auch, zugegeben, damals sehr gefiel. Niemand, und schon gar nicht ich, ahnte zur damaligen Zeit, dass Alkohol krank macht.
Ich war stolz und überglücklich, wenn wir zusammen einkaufen waren und immer eine Flasche Alkohol im Einkaufskorb gewesen ist. Ich weiß nicht mehr so genau, ob es mir früher auch geschmeckt hatte; wichtig war nur :Ich war beim Trinken dabei!
Als ich später meinen Mann kennen lernte, hatte ich das Gefühl, nicht mehr so unter "Kontrolle" zu stehen. Ich hatte endlich mein eigenes Geld und konnte mir Alkohol kaufen, soviel ich nur wollte - aber auch unbewusst schon brauchte. Es fing mit zehn Flaschen Bier am Tag an und steigerte sich zwischenzeitlich mit Wein oder Schnaps zusätzlich. Ich hatte keine weiteren Freunde - nur den Alkohol! Mehr brauchte ich damals auch nicht.
Zwischendurch musste dann öfter mal der Arzt kommen, da ich mich gefühlt habe, als würde ich sterben. Aber das war für mich natürlich kein Grund aufzuhören mit der Sauferei. Nach einer Spritze und zwei Tagen Ruhe ging es mir ja wieder gut und ich konnte wieder voll "zulangen". Im Juni 1991 hatte ich schließlich einen Blutsturz und musste daraufhin ins Krankenhaus. Ich hatte noch niemanden von meinem Alkoholproblem erzählt, denn erstens war es mir peinlich und zweitens war es für mich ja kein ernsthaftes Problem. Also bekam ich eine Narkose, die mir aber gar nicht gut bekam. Ich hörte Stimmen und an den Rissen der Wände bildeten sich Gesichter, so dass regelrechte "Filme" vor meinem Augen abliefen. Ich wurde schließlich in die Psychiatrie überwiesen, was ich natürlich nicht verstehen konnte - was sollte ich auch hier?
Dort hat man mir nun versucht zu erklären, dass ich ein Alkoholproblem hätte. Dabei wusste ich noch nicht einmal, wo genau ich mich gerade befand. Nach ungefähr 14 Tagen Klinikaufenthalt glaubte ich, nun trocken zu sein. Mir ging es soweit gut und in meinem Kopf "leierte" es nicht mehr.
Dann kam der Zeitpunkt, da mein Ehemann für ein paar Tage verreisen musste. Ich war mit meinen (inzwischen zwei) kleinen Kindern allein zu Hause und hatte Angst, dass er nicht wiederkommen würde. Zumindest bildete ich mir das ein. Also ging ich los und holte mir erst einmal eine kleine Flasche Wein und versuchte diese zu trinken. Die erste halbe Flasche habe ich jedoch gar nicht bei mir behalten - Verflixt! Ich schimpfte, es hatte doch vorher auch "geschmeckt".
Aber dann - die zweite Hälfte der Flasche blieb drin. Und in kürzester Zeit war ich mit meiner Trinkmenge wieder auf dem altem "Niveau". Ganze zwei Tage hatte ich dazu gebraucht. Die Flaschen wurden schnell größer und natürlich auch mehr. Zu guter Letzt war ich bei ungefähr vier Flaschen Wein zu je 1,5 Liter - pro Tag! Bis - ja, bis ich Blut spuckte, nur noch so da lag und mich nicht mehr bewegen konnte.
Mein Ehemann kam am Nachmittag nach Hause, sah mich so, wie ich war, schnappte mich und brachte mich in die Notaufnahme des hiesigen Klinikums. Dort legte er mich sehr unsanft auf eine Pritsche, und sagte: "Macht mit dieser Frau, was ihr wollt, ich nehme sie nicht wieder mit!". Drei lange Tage hat er nichts von sich hören oder sehen lassen. Ich hatte fürchterliche Angst, ihn und meine Kinder zu verlieren. Jetzt endlich hatte ich begriffen, dass ich dringend etwas gegen meine Alkoholsucht unternehmen musste, um meine Familie - aber vor allem mich - zu retten.
Ich habe eine Entgiftung gemacht und mich dann zu Einzelgesprächen in dieSuchtberatungsstelle begeben. In diesen ganz vielen Einzelgesprächen habe ich sehr viel über mich erfahren und habe mich dazu entschlossen, in eine (damals noch begeleitete) Selbsthilfegruppe zu gehen. Eine Langzeittherapie kam für mich nicht in Frage, insbesondere deshalb, weil meine Kinder noch zu jung waren um ohne mich auszukommen. Ich hätte mich also nicht sehr darauf konzentrieren können.
Seitdem ist viel Zeit vergangen - ich bin nun seit dem 12.12.1991, d. h.seit sehr langer Zeit, trocken - auch ohne Langzeittherapie, "nur" mit meiner "Montagsgruppe". Und die möchte ich wirklich nicht missen. Sie gibt mir so viel. Ich habe Freunde gefunden, denen es ähnlich geht wie mir, die mich verstehen und auch wieder aufbauen, wenn es mir mal nicht so gut geht.
Denn der "Saufdruck" kommt - viel öfter, als es mir lieb ist. Den inneren "Schweinehund" muss ich immer noch bekämpfen. Ohne einen eisernen Willen geht bei mir gar nichts - das ist für mich das A und O des Trockenbleibens!
Ich werde auch weiterhin die "Montagsgruppe" besuchen. Sie ist für mich ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Ach ja - inzwischenhabe ich noch ein drittes Kind bekommen, habe den Führerschein erworben, habe einen Job und meine Ehe funktioniert nun auch schon über 25 Jahre.... |