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Erfahrungen: Jörg S.                                                                                                                                



Willkommen liebe Interessenten auf der Seite der Montagsgruppe Gera.

Mein Name ist Jörg und ich möchte Euch berichten, wie es mir in den letzten Wochen ergangen ist, welche Erfahrungen ich machen durfte.

Gerade einmal ein Jahr ist es her, dass ich eine der Langzeittherapie angeschlossene Zeit in der Adaptionseinrichtung Weimar der SuchthilfeThüringen beendete. Spätestens in der Adaption ist mir bewusst geworden, dass ich meinen Beruf als Koch nicht mehr in der Gastronomie ausüben kann.

Gemeinsam mit Therapeuten in Weimar überlegte ich nun, welchen beruflichen Schritt ich gehen sollte. Ich begann ein Praktikum als Koch in einem Seniorenheim in Weimar. Dort erkannte ich zum einem, dass ich gern eine solche Tätigkeit in Zukunft ausüben würde, aber auch, dass ich wiederfähig bin, als Koch in einer solchen oder ähnlichen Einrichtung zuarbeiten.

Nach Gera zurückgekehrt, bewarb ich mich bei vielen Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie Sozialeinrichtungen. Leider mit Absagen. Doch ich steckte den Kopf nicht in den Sand. Viel zu häufig in meinem Leben gab ich zu schnell auf. Ich wollte wissen, woran das lag.

Seniorenheime und ähnliche Einrichtungen wünschen Küche mit einer Zusatzausbildung als diätetisch geschulter Koch, welche auch spezielle Speisen für kranke Menschen zubereiten können. Ich war bereit, eine solche Schulung zu absolvieren. Probleme dabei machten aber die zuständigen Ämter und Behörden, welche diese Schulung finanzieren sollten. Aber ich tat, was ich in der Therapie gelernt hatte: Ich nahm Hilfe in Anspruch. Die Hilfe kam vor allem vom Integrationsfachdienst.

Endlich also war es soweit und ich durfte, zugegebener Weise mit gemischten Gefühlen, für sechs Wochen in die berühmte Universitätsstadt Heidelberg zur Ausbildung als Diätkoch fahren. Gemischte Gefühle? Warum, willst Du bestimmt wissen?

Zum einem war ich seit meiner Therapie noch nicht wieder längere Zeit allein in einer fremden Stadt. Zu Hause habe ich neben meiner Familie auch meine Freunde von der Montagsgruppe, wenn ich mal Hilfe oder einen Rat suche oder auch mal einfach jemanden zum Reden brauche. Außerdem wusste ich aus den Broschüren der Fachschule, dass es kein Spaziergang werden würde. Schließlich sollte ich in nur sechs Wochen lernen, was andere in einem Jahr lernen!

Schon in der zweiten Woche bemerkte ich, dass es sehr schwer ist, die hohen Ansprüche, die von der Industrie- und Handelskammer zur Prüfung erwartet werden, zu erfüllen. So saß ich oft bis weit nach Mitternacht über Büchern mit lateinischen Fachausdrücken aus Medizin oder Lebensmittelchemie, Tabellen und Berechnungen. Oft war ich der Verzweiflung nah und glaubte nicht an einen erfolgreichen Abschluss. Zudem wollte ich aber auch die Menschen nicht enttäuschen, die mir bis hierher geholfen hatten.

Ich suchte und fand bald in Heidelberg eine Selbsthilfegruppe, der ich mich vorübergehend anschließen konnte. In den Gesprächen wurde mir bewusst, ich mache diese Schulung nicht für jemanden anderen, sondern nur für meine persönliche Zukunft! Die Heidelberger Gruppe machte mir auch klar, dass ich die Prüfungsangst abtrennen sollte und mich vor allem auf das wesentliche konzentrieren sollte: Auf das Fachwissen! über das "nach der Prüfung" sollte ich erst nachdenken, wenn das Ergebnis feststand. Es gibt keinen Grund, sich schon jetzt Gedanken über eine verpatzte Prüfung zu machen. Außerdem: Zu jeder Prüfung gibt`s eine Nachprüfung.

Aber eines war für mich klar: War eine solche Situation doch in den Jahren meines Trinkens stets ein Grund, ein Glas nach dem anderem zu leeren. Es war doch ganz gleich, wie das Ergebnis der Prüfung ausgehen würde - "Ich trinke, um den Ärger über das Nichtbestehen der Prüfung runter zuspülen" oder "Ich trinke auf den Erfolg!" Ganz gleich, aber es ist doch eine super Ausrede immer gewesen! Und bei Nichtbestehen waren sowieso die Anderen schuld: Die Dozenten, die Prüfungskommission "Diesmal nicht!

Viele andere Menschen stehen auch vor Prüfungen! Stehen vor allem wir als Alkoholkranke nicht jeden Tag wieder vor einer Prüfung? Ich trank auch nicht, und ich habe auch in Zukunft nicht den Wunsch danach. Denn ich würde alles, was ich im letztem Jahr erkämpft habe, mit dem ersten Glas herunterspülen. Ich glaube, ich habe zwei Prüfungen abgelegt: Die berufliche und eine im Umgang mit solchen Situationen.

Ich darf Dir aber noch dazu schreiben, dass ich die Abschlussprüfung erfolgreich bestanden habe und ehrlich auch etwas stolz darauf bin. Waren doch viele Ängste umsonst!

Als ich danach in meinem Heidelberger Zimmer noch mal einen Blick auf das wichtige Blatt Papier warf, fiel mir erst das Datum auf: Es war der 20.10.2005. Auf den Tag genau drei Jahre zuvor begann mein recht erfolgreiches und zufriedenes Leben ohne Alkohol. Damals hätte niemand, am wenigsten ich selbst, daran geglaubt, dass ich einmal geistig wieder in der Lage sein würde, eine solche Prüfung zu bestehen. In diesem Falle haben mir auch hier und diesmal gleich zweiSelbsthilfegruppen geholfen.

Zum einem meine Montagsgruppe Gera, mit der ich auch immer telefonisch Kontakt halten konnte, zum anderem aber auch, und an dieser Stelle liebe Größe nach Heidelberg, die dortige Gruppe im Gemeindehaus der Christuskirche.

Wenn auch Du demnächst eine Prüfung ablegen solltest, so drücke ich dir symbolisch die Daumen - auch für die täglichen Prüfungen. Ich wünsche Dir eine gute alkoholfreie Zeit.

Herzliche Grüße

Jörg von der Montagsgruppe Gera

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