Erfahrung: Rückfall zum Glück  |
| Rückfall "Zum Glück" | Sie werden jetzt vielleicht denken: Wieso "zum Glück", aber das möchte ich Ihnen nachfolgend schildern. | Einführung | Ich bin S. K. von der Montagsgruppe Gera. Ich bin im mittleren Alter und geborener Gerscher (Geraer). Ich schreibe deshalb anonym, weil ich der Meinung bin, ich brauche mir kein Schild umzuhängen worauf steht: "Ich bin alkoholkrank". Aber ich stehe zu meiner Krankheit und habe sie voll akzeptiert. Wem und unter welchen Umständenich mich offenbare soll meine Entscheidung bleiben.
Ich hatte den Absprung schon einmal geschafft. Dank der Hilfe der Beratungsstelle für Suchtkrankheiten der Diakonie und Dank meine rGruppe, welche ich immer Montags besuchte.
Man hatte mir den Führerschein entzogen wegen einer Trunkenheitsfahrt mit 3,4 Promille. Ich wollte ihn aber unbedingt wieder haben, was mir so auch gelang. | Der Rückfall findet im Kopf statt - weit vor dem " Ersten Glas" | Ich hatte nun schon fast zwei Jahre abstinent gelebt. Aber mich ließ derGedanke nicht los: "Warum ausgerechnet du, sollst du wirklich niewieder kontrolliert trinken können?".
Auch durch die Diskussion in den Fachkreisen für Sucht über Versuche in der Schweiz, wo Probanten wiederlernen kontrolliert zu trinken, weckten immer mehr mein Interesse. Jetzt weiß ich, dies gelingt nur Personen, welche starken Missbrauch betrieben haben. | Der Kontrollverlust | So begann ich wieder geringe Mengen Bier zu trinken und siehe da, ich konnte nach zwei Bier aufhören. Ohne einen Saufdruck zu verspüren der mich animierte, noch mehr zu mir zu nehmen (welch großer Irrtum). In dieserZeit ging ich auch nicht mehr zur Gruppe, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen meiner Trinkversuche.
Über ein Jahr konnte ich das auch durchstehen, nach dem zweiten Bier aufzuhören, aber nur mit großem Kraftaufwand, denn ich musste michimmer mehr zwingen aufzuhören. (Heute weiß ich, dass mich dieser Versuch viel mehr nervliche Kraft gekostet hat als abstinent zu leben.)
Dann steigerten sich die Trinkmengen fast unbemerkt, das Verlangen nach mehr kam doch zurück - es heißt ja nicht umsonst Kontrollverlust - so dass ich schnell wieder bei 8-10 Bier täglich angelangt war.
Der Alkohol verändert unser Denken und Handeln. Das Suchtgedächtnis mit den angenehmen Gefühlen, die man Anfangs bekommt, hatte zugeschlagen. | Ein Trinkmodell | Nun versuchte ich nur zu trinken, wenn ich den Folgetag keinerlei Verpflichtungen wie Arbeit oder andere Termine hatte. Ich machte also größere Trinkpausen, was wiederum dazu führte, mich nicht für alkoholkrank zu halten. Denn ich brauchte ja am Folgetag nicht zu trinken damit es mir besser geht. Auch hatte ich keine Entzugserscheinungen (noch nicht). Aber der Alkohol verändert unser Denken und Handeln. | Der totale Rückfall in alte Trinkgewohnheiten | Wie gesagt: Der Alkohol verändert uns. So begann ich auch, bald wieder regelmäßiger zu trinken, was dazu führte, dass ich keine Rücksicht mehr auf die Folgetage nahm und bald bei 12 Bier und 5-8 Kräuterlikör angekommen war.
Am nächsten Tag fiel mir das Aufstehen schwer, ich bekam Händezittern, Schweißausbrüche, Brechreiz. Meine Arztbesuche häuften sich, ich brauchte ja eine Arbeitsbefreiung (wer denkt, seine Umwelt hat ja noc hnichts mitbekommen, der irrt).
Wenn ich krank geschrieben war, hatte ich ja erst recht keinen Grund mehr, auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen. Ich trank nun bis ich nicht mehr konnte. Die Mengen waren riesig, eben bis nichts mehr rein passte.
Mir war schon klar, dass ich nun wieder voll drin hänge - aber der Alkohol verändert uns. Ich verdrängte jeden Gedanken ans Wiederaufhören. Es war ja auch bequemer, sich jeden Tag zu betäuben, Angst, Schuldgefühle, das zerbrochene Selbstbewusstsein einfach weg zu trinken (nur sind sie am nächsten Tag wieder da und auch dieses Scheißgefühl versagt zu haben, wieder versagt zu haben....). | Der Totalzusammenbruch | Ich war nun so weit, dass ich wieder jeden Tag trank - mal wenig und mal bis zur totalen Bewusstlosigkeit. Ich fiel um und hatte Krampfanfälle, ich dachte immer noch an Epilepsie wie auch meine Ärztin. Aber trotz EKG und Dauerblutdruckmessung konnte sie keine Ursache feststellen. Hier kann man sehen wie gut ich doch meine Krankheit hinter meiner Maske verstecken konnte (heute weiß ich es war schon Delirium).
Die Ehe war kurz vor dem aus. Und nach einem Saufgelage kam es wie es kommen musste: Der Führerschein war zum zweiten Mal weg. Was aber für mich schlimmer war: Ich hatte Angst, meine Familie zu verlieren, denn Diese konnte für mein nun wirklich gegen alle Regeln der Vernunft verstoßendes Verhalten kein Verständnis mehr aufbringen.
Ich hatte Selbstmordabsichten, konnte es nicht ertragen auf der ganzen Linie versagt zu haben. Ich habe michso geschämt, so sehr geschämt....Ich habe dann den einzig richtigen Entschluss in meinem Leben gefasst. Ich sagte zu mir "S. K., du brauchst Hilfe! Allein schaffst du es nicht! Ich ging zu meiner Hausärztin, welche aus allen Wolken fiel.
Ich habe dann Verbindung mit der Suchtberatungsstelle aufgenommen und eine Entwöhnungstherapie beantragt. Auch mein damaliger Arbeitgeber hatte arge Bedenken wegen meiner Zuverlässigkeit. Auch bei ihm legte ich nun die Karten auf den Tisch.Er reagierte sehr positiv auf meinen Entschluss, was mich sehr überraschte. Dies bestärkte mich in dem, was ich beabsichtigte: DieTherapie, gegen die ich mich immer so gesträubt hatte. | Ein Neuanfang | Ich möchte hier nicht weiter auf die Therapie eingehen. Dies würde ein Buch füllen und zu weit führen. Es ist mir jedoch wichtig zu sagen: Rückfall kann auch eine Chance sein. Ich zumindest habe ihn regelrecht gebraucht um endgültig, also ganz und gar vor dem Alkohol zu kapitulieren. Es ist nicht leicht dies zu akzeptieren, aber das habe ich nun wieder bei MEINER Therapie lernen können.
Es gibt den Alkohol, der stärker ist als ich und ich kann es nicht ändern, nur mit Gelassenheit hinnehmen. Ich halte wieder Kontakt zur Suchtberatungsstelle, nehme Einzelgesprüche war. Gehe regelmäßig in meine Montagsgruppe, wo ich auch nach meinem Rückfall als voll akzeptiertes Mitglied aufgenommen wurde, wofür ich sehr dankbar bin.
Ich bin nach der Therapie arbeitslos geworden aber ich habe mich bemüht und stehe wieder in Lohn und Brot. Ich habe zu meinem früheren Arbeitgeber ein gutes Verhältnis, denn ich wurde auf Grund von Auftragsrückgang und nicht wegen meiner Krankheit entlassen.
Familiär ist auch alles wieder im Lot, obwohl ich immer noch ein wenig Argwohn spüre, einmal verlorenes Vertrauen ist ist eben schwer zurück zugewinnen. All dies konnte ich aber nur schaffen, weil ich mich für ein abstinentes Leben entschlossen habe.
Ich bin nun wieder über ein Jahr trocken, Dank meines Rückfalls - so dumm das auch klingen mag.
Mit freundlichen Grüßen
Euer S. K.
P. S: Dies soll keine Ermutigung für einen Rückfall sein, sondern aufzeigen, wie verschieden der Weg der Erkenntnis sein kann. |
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